Der Mann hat noch einmal das Wort. Er und Freund Ingo haben die Straßen der Côte d’Azur unsicher gemacht und auf meine Bitte einen weiteren Artikel für alle anderen Radbegeisterten da draußen geschrieben. (Dieses Mal musste ich schon weniger betteln…) Viel Spaß beim Lesen – und Nachfahren…


Ein Must-Ride an der Côte d`Azur

Oder: Geschichte zum Nachlesen und Selberschreiben.

Mit im Durchschnitt 7 % Steigung klettert man bis zum Gipfel des Madone auf 925 m.ü.M. Der offizielle Strava KOM von Richie Porte liegt aktuell bei 35:52 was einem Schnitt von 22,3 km/h auf der 13,3 km langen Strecke entspricht!! Dabei überwindet man 904 hm!



Soviel zu den Fakten des ersten Anstiegs unserer heutigen Geschichtsstunde. Aber der Col de la Madonna ist noch viel mehr als das, er ist ein Kurvenrausch bergauf, ein epischer Anstieg, ein großer Name im Radsport und das, obwohl die Tour de France ihn niemals befahren hat. Dafür nutzen ihn aber die unzähligen Profis, die in Nizza und Monaco ansässig sind, zum Training und Testen ihrer Leistungswerte. Lance Armstrong wusste nach eigener Aussage vor dem Start der Tour de France anhand seiner Leistung am Madone, ob er die Tour gewinnen würde oder nicht. 

Dieser Berg ist auch der Namenspate des legendären „Trek Madone“, einem der Rennräder, auf dem die meisten und prestigeträchtigsten Erfolge der letzten zwei Jahrzehnte eingefahren wurden.

Die modernen Tücken

Für uns beginnt der Tag aber zuerst einmal ganz unglamourös mit Treppensteigen. Am Abend zuvor hatten wir uns spontan für diese Tour entschieden. Also kurz eine Route zusammengeklickt, auf das GPS geladen und los. Womit wir aber nicht gerechnet hatten war, dass uns das Navigationsgerät, trotz des voreingestellten Rennradprofils, erst einmal völlig unnötig eine winzige Straße hochjagt, die in unzählige Treppenstufen übergeht, anstatt die dazu parallel verlaufende Straße zu nutzen.



Nun gut, also umdrehen. Kopf an und selbst schauen, wohin es geht. Ist eigentlich ja auch ganz einfach: wir müssen lediglich der D22 raus aus Menton folgen, die führt uns direkt bis zur Kuppe.

Zweiter Versuch und dieses Mal sind wir richtig. Es ist ein kurvenreicher Anstieg mit herrlicher Aussicht auf die unter einem mit jeder Kurbeldrehung kleiner werdende Stadt und Küste. Sobald man auf der D22 unter der Autobahnbrücke durch ist und das Stadtgebiet fast verlassen hat, fängt die Straße an, sich Meter um Meter nach oben zu winden. Nach jeder Kurve fällt die normale Welt „da unten“ weiter zurück. Die Beine werden schwerer, aber der Kopf wird mit jedem Meter leichter. 



Alles kann, aber nichts muss

Aussicht genießen, sich mit den Zeiten der Profis messen, persönliche Leistungsgrenzen erkunden – alles ist möglich am Col de la Madone. Aber am Ende zählt für uns nicht die Zeit, die wir auf dem Weg nach oben benötigt haben, sondern wie wir sie verbracht haben. 35:52 Minuten im Tunnelblick wie Richie Port oder 1:27:46 Stunden Genussfahrt inklusive Fotostopps, wie wir es getan haben – am Ende kommt man so oder so oben an, auf einem der wohl berühmtesten Anstiege der Côte d`Azur.



Oben – und wieder abwärts

Auf der Kuppe weht ein frischer Wind. Also Gipfelfoto machen, Windjacken überziehen und schon folgen wir der Straße weiter Richtung Peille. Die Abfahrt ist ebenso wie der Aufstieg technisch anspruchsvoll und keine Hochgeschwindigkeitsstrecke. In Peille lohnt es sich, anstatt einfach durchzurauschen, kurz in Schrittgeschwindigkeit durch die kleinen Gässchen zu rollen und dieses wunderschöne kleine Dörfchen zu erkunden. Bei Bedarf gibt es in der örtlichen Crêperie auch außerhalb der üblichen Essenszeiten Leckeres zur Stärkung.



Der darauf folgende zweite Teil der Abfahrt weiter nach La Grave de Peille ist ein wahres Gedicht. Kurvenhatz par excellence. Serpentine folgt auf Serpentine. Eine schmale Straße, kaum Verkehr. Wir fliegen glücklich von Scheitelpunkt zu Scheitelpunkt und lauschen dem Surren unserer Freiläufe.

Die modernen Tücken Teil 2

In La Grave de Peille angekommen fängt mein GPS aufgeregt an, zu piepsen, ich soll abbiegen. Hier? Das hatten wir doch heute früh schon… Es gibt an dieser Stelle nur eine schnurgerade ins Tal führende Straße und zur Rechten eine Hofeinfahrt. Das Navigationsgerät besteht darauf, dass wir genau in diese Hofeinfahrt abbiegen müssen. Eine ältere Dame werkelt gerade in dem dahinter liegenden, wunderschönen kleinen Garten und schaut zu uns auf. Sofort unterbricht sie ihre Gartenarbeit und macht sich schmunzelnd und wissend nickend auf den Weg zu uns. Wir scheinen nicht die ersten zu sein, die direkt in Ihr Wohnzimmer navigiert werden.



„Einfach gerade aus und kurz vor der Brücke scharf rechts. Dann immer am Paillon entlang. Nicht zu verfehlen.“ weist sie uns den Weg. Wir bedanken und verabschieden uns und rollen weiter. Ein freundliches „bonne route“ ruft sie uns noch hinterher.

Uns erwartet wieder eine dieser kleinen Straßen, wenig Verkehr, herrliche Landschaft. Und so fahren wir auf der nur leicht ansteigenden Straße genüsslich durch die Schlucht, die der Paillon im Laufe der Geschichte in die Landschaft gegraben hat, bis nach L’Escarène. Dort entscheiden wir uns, den Col de Turini links liegenzulassen und direkt weiter zum Col de Braus zu fahren. Die Zeit wird knapp und da wir vor Einbruch der Dunkelheit zurück in Menton sein wollen, heben wir uns den Turini für einen anderen Tag auf.



Auf zum Col de Braus

Somit liegen jetzt noch 626 hm verteilt auf 10 km bis zur Passhöhe des Col de Braus vor uns. Zunächst schlängeln wir uns über eine leicht gewundene Bergstraße bergauf, später schrauben wir uns über wundervolle Serpentinen noch höher.



Oben angekommen rollen wir vor dem Grabmal von René Vietto langsam aus. Er war in den 1930er und 1940er Jahren Radprofi und ist der Fahrer in der Geschichte der Tour de France, welcher am längsten das gelbe Trikot trug, ohne die Rundfahrt jemals gewinnen zu können. Chapeau!

René und seine Frau Giselle Vietto sind hier oben zusammen beerdigt worden. Die letzte Ruhestätte für einen Cannois und seine Liebste. Vietto gewann hier oben an seinem Hausberg 1934 die Bergwertung bei der Tour. Wir halten einen Moment inne, bevor wir die Helme wieder festzurren und uns in die letzte Abfahrt des Tages stürzen. Die verbleibenden 22 km zurück nach Menton geht es für uns fast nur noch bergab.

Saint-Jean und Castillon fliegen auf unserem Weg zurück ans Meer an uns vorbei. Eins ist sicher, wir kommen wieder und folgen weiter den Spuren der Radsportgeschichte. Hier an der Côte d`Azur ist sie überall anzutreffen und während wir der Geschichte folgen, schreiben wir unsere eigene.

Bonne route!

Danke, Ingo, für die gemeinsame Runde auf dem Rad und die schönen Bilder, die dabei entstanden sind.



Fazit

Auch von mir ein ganz herzliches Danke an Mann und Freund für den Text und die Bilder. Wie sieht es aus: scharrst Du schon mit den Hufen, um die Tour nachzufahren? Oder schwelgst Du in Erinnerungen, weil Du sie schon kennst? Erzähl mal, von Deinen Erlebnissen am Berg!

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