Dieser Beitrag fällt völlig aus der Reihe, denn er hat nichts mit Urlaub und Abschalten vom Alltag zu tun. Er passt in keine meiner Rubriken, aber dennoch will ich ihn schreiben. Ich will davon erzählen, wie es ist, eine ukrainische Flüchtlingsfamilie aufzunehmen.

Vielleicht trägt sich der ein oder andere mit dem Gedanken, sich aktiver in dieser Situation einzubringen und weiß nicht, wie oder was er tun könnte. So ging es uns nämlich. Wir hatten zwar die leerstehende Ferienwohnung, wussten aber weder wo wir uns melden können noch wie das alles abläuft. In unbekannten Situationen, wo man die Konsequenzen nicht abschätzen kann, braucht man manchmal jemanden, der es vormacht. Für mich war das Christine Cazon (Du kennst sie von den Krimis aus Cannes mit Commissaire Duval*). Eines Tages (um genau zu sein war es der 11. März) las ich den Post auf ihrem Blog, wo sie darüber berichtet, dass sie eine Mutter mit zwei Söhnen aufgenommen hat. Sie erzählte auch, wie es dazu kam: sie war einfach in Cannes zum Ukraine-Hilfszentrum gegangen und hat dort ihre Hilfe bzw. ihren freien Platz angeboten.

Ich habe also dem Mann davon erzählt und von meinem Gedanken, unsere Ferienwohnung in Theoule anzubieten. Erst war er leicht skeptisch – er wusste ja nicht, was uns erwartet. Und wir wollten eigentlich Ende März selber runterfahren. Aber wir dachten: probieren wir es einfach. Im Zweifelsfall fahren wir eben später. Wenn jemand die Wohnung braucht, dann dringender als wir.

Und so habe ich am 11.3. gegen Mittag die Nummer vom Hilfszentrum in Cannes gewählt. Der netten Frau am Telefon sagte ich, dass wir eine kleine Ferienwohnung in Theoule für 3-4 Wochen anbieten können, ob sie sowas auch interessieren würde. Sie hat sich die Koordinaten aufgeschrieben und das war’s.

Etwas unsicher haben der Mann und ich uns angeguckt – und dann weitergearbeitet. Keine Zeit, sich über ungelegte Eier den Kopf zu zerbrechen.

Ein paar Stunden später bekam ich einen Anruf, dass um 18 Uhr eine Familie in Nizza ankommt und die würde dann in unsere Wohnung kommen. Oh Schreck! So schnell? Und 4 Personen? Wir haben doch nur Bettzeug für 3, das hatte ich ja völlig vergessen.

Aber was soll’s?! Was auch immer sie durchgemacht haben, wird schlimmer sein, als dass zwei Kinder sich eine Bettdecke in Übergröße teilen müssen.

Meine Nummer wurde an den Betreuer der Familie weitergegeben, der mich anrief und mich ganz wunderbar über alles auf dem Laufenden hielt. Andrey wollte die Familie in Nizza am Busbahnhof abholen und zu uns bringen. Er schickte mir regelmäßig Updates, denn der Bus hatte über eine Stunde Verspätung. (Immerhin, bei Christine Cazon wurde es fast Mitternacht, ich war also darauf eingestellt.)

Das ist Andrey, mit Ausblick auf Nizza.

Auch sonst in den kommenden Tagen hat Andrey mich immer auf dem Laufenden gehalten, ganz toll.
Gegen 20 Uhr waren dann alle in unserer Wohnung. Andrey rief mit Video an und wir konnten zum ersten Mal unsere Gäste und ihn sehen. Die Familie sah furchtbar erschöpft aus. Sie haben die ganze Zeit gelächelt und sich tausend Mal bedankt, trotz der tiefen Augenringe – und ich muss es gestehen, ich musste mir ein paar Tränen verkneifen bei der Vorstellung, was sie erlebt haben, wie tapfer sie sind…

Dann fiel mir ein, dass unsere Wohnung auch noch kalt war und sie jetzt frieren mussten. Und ob sie überhaupt etwas zu essen haben – dieser Gedanke kam aber erst später auf, als Andrey bereits wieder weg war und der Mann und ich hin und her überlegten, wie wir ihnen jetzt Essen besorgen können, von Berlin aus.

Andreys Frau war jedoch bestens vorbereitet und hatte Essen für einen Tag mitgegeben. Wir waren erleichtert.

Andrey und seine Frau betreuen mehrere Familien – ehrenamtlich!

Unsere Nacht war unruhig. Ich bin oft aufgewacht und war jedes Mal in Gedanken bei der Familie. Ob es ihnen gut geht, ob sie zurecht kommen, ob sie es warm haben, wie schlimm wohl ihre Erinnerungen sein mögen…

Am nächsten Tag hat mir Natalia Fotos von ihren Töchtern geschickt und sich erneut bedankt, weil ihre Mädchen sich so weit erholt hatten, dass sie schon wieder Gymnastik machten. Überhaupt haben wir sehr viele Fotos ausgetauscht. Ich habe erfahren, dass Natalia Yoga-Lehrerin ist (wer Privat-Unterricht möchte, kann sich gerne melden, auch über Zoom) und ihre Töchter Turnerinnen sind und ihr Mann (ja, der ist dabei!) in Kiew ein Restaurant geführt hat, wo sie die Bar gemacht hat. Alles weg, von heute auf morgen, vollkommen sinnlos…

Und dann kam es mir so komisch vor, dass ich so viel von Natalia wußte und sie nichts von mir, also habe ich auch Fotos geschickt. Sonst gar nicht meine Art…

Das einzig Bürokratische, was ich eigentlich wirklich tun musste, war eine attestation d’hébergement auszufüllen, die mir Andrey geschickt hat. Damit habe ich bestätigt, dass die Familie bis zum Soundsovielten bei uns wohnen kann, denn so wie ich das verstanden haben, bekommt man in Frankreich ohne Wohnung keine Aufenthaltsgenehmigung. Aber es reicht auch, wenn das Hotel die attestation d’hebergement ausfüllt.

Am Montag ging es gleich als erstes zur Präfektur in Nizza, um die Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Dort standen sie mit mehreren hundert anderen Ukrainern an, denn alle Flüchtlinge im GESAMTEN Departement mussten in Nizza zum Amt (mittlerweile ist das anders). Sie haben es also am Montag nicht geschafft, Andrey hat aber einen Termin für Mittwoch organisiert.

Mittwoch fuhren sie um 5 Uhr morgens los, nachmittags um 16 Uhr bekam ich stolz ein Foto der Aufenthaltsgenehmigung geschickt. Wir haben uns mitgefreut.

In der Zwischenzeit hatte ich angefangen, nach Wohnungen für sie zu suchen. Sie wollten so schnell wie möglich etwas eigenes haben, kann man ja verstehen. Ich dachte, ich als Deutsche wäre da sicher erfolgreich. Weit gefehlt. Tatsächlich muss ich anerkennen, dass ich am französischen System gescheitert bin. Es war mir nicht möglich, ein Herz zu erweichen – und ich habe ordentlich Pathos versprüht. Die einzige Möglichkeit, wenn man die ganzen Papiere wie 3 Arbeitsnachweise, Steuererklärung etc. nicht hat – was die Familie natürlich nicht hat, weil sie erstens nur mit einem Koffer und zweitens auf der Flucht waren und drittens alles in kyrillisch gewesen wäre – die einzige Möglichkeit also ist ein Mietkautionskonto, wo die Miete für ein ganzes Jahr drauf sein muss. So viel Geld kann niemand, der auf der Flucht ist, blockieren.

Zum Glück hat Christine mir von einer Veranstaltung vom Bürgermeister in Cannes berichtet, wo die Helfer und die Flüchtlinge erfahren, wie es weitergeht und was sie für Unterstützung auch bei Unterkünften usw. bekommen, auch auf ukrainisch.

Die Veranstaltung war für 11:45 Uhr angesetzt, Natalia war ab 9 Uhr in Cannes, was an der spärlichen Busverbindung bei uns lag.

Und plötzlich ging alles ganz schnell. Die Stadt hat eine tolle Unterkunft für “unsere” Familie gefunden, heute, 14 Tage nach ihrer Ankunft bei uns, haben sie die erste Nacht dort verbracht, die Mädchen haben heute einen Einschulungstest und wir schwanken etwas zwischen Freude und Verlust. Jeden Tag haben wir an die Familie gedacht, mit ihnen um Papiere, Wohnung, Arbeit usw. gebangt, versucht zu helfen, so gut es von Berlin aus eben geht… Die kleinen Nachrichten und Fotos waren nett. Auch mit Andrey hatte ich täglich Kontakt. Er betreut so viele Familien und es werden immer mehr. Andreys Frau stammt aus der Ukraine, er spricht die Sprache, ich hoffe nur, er übernimmt sich nicht und ruht sich auch aus.

Eine Sache bleibt uns noch zu tun. Wir haben eine Paypal-Spendenaktion gestartet, um ein bisschen Geld für Natalia und ihre Familie zu sammeln. Sie brauchen jetzt so viel: Handtücher, Bettwäsche, Sommerkleidung, Schulsachen, ein Hundebett, Dinge für Küche und Bad, Kopfkissen, Bettdecken, Stühle, Fahrräder, Staubsauger – alles, was man so braucht, wenn man neu anfängt und nur einen Koffer pro Person mitgenommen hat. Deswegen sammeln wir noch ein bisschen Geld. (Falls Du auch etwas spenden willst, freuen wir uns sehr! Hier ist der Link zu unserer Aktion: https://www.paypal.com/pools/c/8IhHwQ1Ztg)

Die letzten zwei Wochen waren eine emotionale Zeit, auf eine andere Art als die zwei Wochen davor. Es hat uns gut getan, unseren Fokus auf diese Familie richten zu können, direkt helfen zu können und nicht passiv-gelähmt nur Nachrichten-Nachrichten-Nachrichten. Ich hoffe, wir bleiben weiterhin in Kontakt und wir treffen uns wirklich wie verabredet, wenn wir unten sind. Dann lernen wir uns zum ersten Mal “richtig” kennen. Darauf freue ich mich.

Falls Du darüber nachdenkst, ein bisschen Platz bei Dir freizumachen, aber Angst hast, was das bedeutet, dann hoffe ich, dass ich Dir einen Teil der Angst nehmen konnte. Und den Rest nimmt Dir vielleicht Christine, denn sie schreibt auf ihrem Blog weiterhin über ihre Erlebnisse mit “ihrer” Familie.

Zusammenfassend kann ich sagen: Sie alle sind unfassbar dankbar: Christines Gäste, unsere, Andrey – alle bedanken sich immer und immer wieder. Dabei hat es uns genauso viel bedeutet und geholfen und ich bin froh, dass wir uns getraut haben.

Der Link zum Hilfszentrum in Cannes, wo es Infos gibt, welche Spenden gebraucht werden, wo man seine Wohnung anmelden kann etc.

Nachtrag

So viele haben unsere Spendenaktion unterstützt! Es ist unglaublich! Wir konnten Nataliya und ihrer Familie 955 € überweisen! Unglaublich. Sie konnten es selbst auch kaum glauben. Einen Teil der Geldes nutzen sie, um das Schulessen zu bezahlen, die jüngere Tochter hat neue Ballettschuhe bekommen, weil sie eine Aufnahmeprüfung für eine Ballettschule hatte. Sie hat es übrigens geschafft und wurde aufgenommen, insgesamt wurden 4 von 21 Kindern genommen und sie war darunter! Alle waren sehr stolz und froh, Nataliya doppelt, denn sie hat ihre Tochter bisher unterrichtet.

Mittlerweile haben wir uns auch schon einmal getroffen, Nataliya und ich. Nur kurz und nur vor der Tür ihres Wohnhauses. Es hat sich angefühlt, als würden wir uns schon lange kennen, obwohl wir uns zum ersten Mal gesehen haben.

Die Wohnung, die die Stadt für sie gefunden hat, befindet sich in einer Seniorenresidenz. Dort herrscht noch Maskenpflicht – natürlich! Ich bin mir also gar nicht sicher, ob wir überhaupt reindürften.

Aber – und das will ich noch sagen: Nataliya versucht rührend, sich und ihre Familie zu integrieren und etwas zurückzugeben. Ihre Kleine hat ein Karaoke-Konzert vor der versammelten Seniorenmannschaft gegeben und Nataliya will mit den Oldies ein bisschen Sport machen (sie unterrichtet ja Sport). Das berührt uns sehr.

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