die Postkartenidylle verwirrt

Ist St. Tropez noch das Fischerdorf, das es einst war?

Neulich war ich mal wieder in St. Tropez. Extra für den Blog bin ich hingefahren, habe sogar 3 Nächte in Grimaud übernachtet, damit ich endlich, endlich das “echte” St. Tropez finden und Dir Tipps geben kann, wo es sich versteckt. Ich war so überzeugt, dass es unter diesem ganzen Glitter und zur Schau gestellten Reichtum ein bescheidenes, ehrliches St. Tropez gibt, diesen kleinen Fischerort, von dem immer alle reden.

Aber von vorne.

Seit wir die Côte d’Azur für uns entdeckt haben, versuche ich, auch hinter die Fassade von St. Tropez zu blicken und die Einheimischen zu finden, ihre Traditionen, ihre Restaurants und Aktivitäten – und ja auch: ihre Shops. Anfangs sind unsere Ausflüge nach St. Tropez immer buchstäblich ins Wasser gefallen. Es wurde schon zu einem Running-Gag zwischen dem Mann und mir, denn jedes Mal, wenn wir nach St. Tropez gefahren sind, konnten wir sicher sein, dass es dort in Strömen regnet. Wir konnten bei absolut strahlendem Sonnenschein in Théoule losfahren, spätestens bei Grimaud war der Himmel grau und es fing an, zu tropfen. Unsere ersten Eindrücke von St. Tropez waren also eher nass und verhuscht. Wir sind sogar einmal gar nicht erst aus dem Auto ausgestiegen, weil es derart schüttete, dass wir bis auf die Schlüpper nass gewesen wären, bevor wir die Schirme aus dem Kofferraum geholt hätten. Irgendwann haben wir es auch mal bei Sonnenschein hingeschafft und konnten durch die Gässchen und um den Hafen flanieren.



An diesem Tag haben wir sogar zwischen den Fischerbooten am alten Hafen einen Kraken im Wasser gesehen, der da unten Krakensachen gemacht hat. Ich war begeistert und wähnte mich meinem Ziel, die echte Stadt zu erleben, nahe.

Dann sind wir dort irgendwo essen gegangen und das Ziel rückte wieder in weite Ferne… Unnötig zu erwähnen, dass ich auch beim sechsten Besuch immer noch auf der Suche war, nicht wahr?

Also habe ich für unseren Urlaub ein paar Tage in Grimaud eingeplant und wild drauflos recherchiert, was es in St. Tropez so alles zu erleben gibt.

Ich dachte an den Besuch eines Weingutes.

Immerhin beginnt vor den Toren der Stadt das Weinanbaugebiet Côtes de Provence, auf dessen ca. 20.000 Hektar ein jährlicher Ertrag von bald 1 Million Hektolitern Wein erzeugt wird. 80 % davon sind Roséweine, was wiederum 8 % der weltweiten Produktion ausmacht.

Nicht schlecht, dachte ich. Außerdem mag ich Rosé sehr gerne, weswegen mir so ein Besuch mit dégustation absolut sinnvoll erschien.

Als wir von der Autobahn kamen, sind wir an einem Schild ” … agriculteure biologique” vorbeigefahren, es ging so schnell, dass ich nichts weiter lesen konnte. Aber das wollte ich: ein Bio-Weingut!! Toll!

Ich habe genau ein einziges im Internet gefunden, aber das ist so weit von St. Tropez entfernt, dass es damit eigentlich nichts mehr zu tun hat. Nichtsdestotrotz ist es dort absolut super und wenn Du Interesse daran hast, ein Weingut zu besuchen, dann solltest Du unbedingt zum château saint roux fahren. Lies hier, warum.

Na gut, dann versuchen wir eben, ein tolles Restaurant zu finden.

Es wird hier doch irgendwas Typisches geben, abgesehen von Tarte Tropézienne. In einer Doku von MareTV über St. Tropez haben wir von dem Restaurant Chez Camille erfahren und dass es dort seit ewigen Zeiten die beste Bouillabaisse gibt, auf offenem Feuer gekocht mit den Fischen, die morgens gefangen wurden. Prima, dachte ich, probieren wir aus.

Nur hat mittlerweile der Besitzer gewechselt und pro Person kostet ein Teller Suppe 75€. Verständlich, frischer Fisch und so. Aber war mir zu teuer. (In Marseille zahlt man bei DEM Restaurant für die Bouillabaisse 55 €, nur mal zum Vergleich.) Scheinbar sind 75 € aber ein Standardpreis für ein Abendessen im Restaurant hier. Bloß weiß ich ja vorher nicht, was mich erwartet. Deswegen bricht sich dann ein ziemlich heftiger Geiz in mir Bahn und verhindert jegliche Versuche. Immerhin kann man an der Côte d’Azur auch für akzeptables Geld sensationell essen, z.b. im Coup de Fourchette in Théoule, warum sollte ich dann also so horrend viel ausgeben?

Gut, also das war auch nichts.

Gibt es hier vielleicht Menschen, die etwas Tolles herstellen oder mir beibringen wollen?

Tatsächlich habe ich jemanden gefunden. Philippe Vogelweid und seine Bougie de St. Tropez. Ich habe ihm auch schon einen eigenen Artikel gewidmet.



Und dann haben wir ja auch noch die Natur.



Die zieht einem schier die Hosen aus, so schön ist sie! Wir sind ein weiteres Stück auf dem Sentier Littoral gewandert. Davon berichte ich hier. Und durch das Massif des Maures gecruist, weil wir uns das Monastère de la Verne angucken wollten.

Aber das ist alles außerhalb von St. Tropez.

Wo ist denn nun das “echte”?

Kennst Du vielleicht die Serie St. Tropez vom Ende der 90er? Es geht um drei Freundinnen, die so allerhand erleben. Eine hatte eine Strandbar, die andere arbeitete in einem Krankenhaus. DAS Leben wollte ich finden, Alltag. Ich bin sozusagen einer Illusion aus dem Fernsehen hinterhergerannt. Gefunden habe ich eine menschliche Tragödie. Zumindest kam es mir so vor.

Meine Suche wird ernst

Am vorletzten Abend unseres Urlaubs habe ich den Mann überredet, mit mir in St. Tropez etwas trinken zu gehen. Auf meinen Tagesausflug am folgenden Tag wollte er gar nicht erst mitkommen.



Schon auf dem Parkplatz bekam er schlechte Laune und wir haben uns den halben Abend ein bisschen gestritten. Ich fand ihn engstirnig, weil ihm der Prunk und Protz so die Laune verdorben hat und auch etwas neidisch, denn was geht es ihn an, wer was mit seinem Geld macht. Auf mich hingegen wirkte das alles, als wäre ich in einer Open Air Veranstaltung. Die Leute, die sich so furchtbar wichtig nahmen, weil sie irgendwas gekauft hatten und die dafür nun von jedem die rechtmäßige Anerkennung wollten, fand ich lustig.

Ich habe den brubbelnden Mann hinter mir her durch den Ort gezogen und war begeistert von den Menschen, von denen jeder seine eigene kleine Komödie mit solcher Ernsthaftigkeit aufgeführt hat, dass es fast schon rührend war. Anständig Eintritt (in Form eines Parkscheins) haben wir ja auch bezahlt, also kann man die Show auch genießen.

Da waren die jungen, aufgebrezelten Mädchen, denen anzusehen war, dass sie ihre Rolle noch nicht lange spielten. Die mittelalten Männer, denen aus jeder Pore Macht und Einfluss tropfte. Und die mittelalten Damen, die auf alles um sie herum gelangweilt herabschauten. Was für ein Klischee, was für ein Theater.

Und dann bogen wir um die eine Ecke. (Es gibt immer “die eine Ecke” oder?) Und da saß plötzlich die Realität auf dem Boden, starrte etwas irritiert auf die Feiernden, neben ihr lag der Hund auf dem kargen Lager und auf der anderen Seite der Decke stand ein Tellerchen mit ein paar Designerhäppchen. Dieser Teller, den jemand dem Obdachlosen gegeben hatte, wirkte so sehr fehl am Platz, dass ich nicht wusste, was ich empfinden sollte. Bis wir um die nächste Ecke kamen, hatte sich meine Open-Air-Begeisterung ziemlich abgekühlt und ich wollte eigentlich nur noch zum Auto.

Auf dem Weg dahin sind dann mehrere Dinge passiert: Wir sind an einem weiteren Obdachlosen vorbeigekommen, der vor einem anderen Restaurant saß, dessen bullige Türsteher die Welt drinnen vor meiner Welt und mir schützen und natürlich habe ich wieder rein geguckt, genauso wie die vielen Schaulustigen, die in Trauben auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen und fotografierten. Zu meinem blanken Entsetzen war die vorherige Lifemusik durch eine Ballettaufführung abgelöst worden. Als wenn es nicht ausreicht, abgeschottet und privilegiert völlig überteuerte Speisen bei Gesang zu konsumieren. Und kaum einer achtete wirklich auf die Darstellung. Auf mich wirkte es, als wenn die Leute darin vor lauter Überfluss gar nichts mehr mitkriegen. Und diese Trauben von “Normalen”, die ihnen durch bestimmt wohldurchdachte Lücken im Zaun dabei zusahen, Fotos machten und sich an dem Anblick ergötzten, machten das Ganze nicht besser. Denn keiner von denen beachtete den ausgemergelten Mann und seinen Hund, die sich für die Nacht auf der Bank einrichteten.

Ganz plötzlich habe ich mich unglaublich geschämt. Für die Restaurantbesucher, die sich später besoffen von ihrem eigenen Standing vom Fahrer direkt vor der Tür abholen lassen und von den Schaulustigen, die gierig jede Bewegung dokumentieren. Denn sie alle machen sich blind für die wahre Welt, die sich in Form von zwei Männern mit ihren Hunden erst in der Dämmerung zeigt und uns allen einen Spiegel vorhält, vor dessen Bild wir die Augen verschließen.

Das war das St. Tropez, was ich an einem lauen Freitagabend im Sommer gefunden habe. Es ist mir ziemlich auf’s Gemüt geschlagen.

Aber ich habe noch nicht aufgegeben

Am nächsten Vormittag war Markttag in St. Tropez.

Zwar war meine Überzeugung, das “wahre” St. Tropez finden zu können, ins Wanken geraten, aber ich wollte noch nicht aufgeben. Von dem Markt auf dem Place de Lices hatte ich schon so viel Gutes gelesen und es ist ja immerhin Markt. Da sind doch bestimmt auch Einheimische.

Ich war fest entschlossen, etwas Wahres in diesem Ort zu finden und fing hinter dem Parkplatz (dessen Suche mich fast den letzten Nerv gekostet hätte) ganz beschwingt an, zu fotografieren.

Ein Tisch mit Schachbrett steht am Hafen für jeden, der spielen will, bereit – wie nett!



Die Maler, die ihre Kunst am Hafen präsentieren – hübsch!



Das Café “Senequier” ist bereits seit 1887 eine Institution und bei meiner Recherche las ich, dass man den Einheimischen daran erkennt, dass er erst in der hauseigenen Bäckerei auf der Rückseite seine Tarte Tropézienne kauft und anschließend durch einen Gang ins Restaurant geht. Ich witterte einen Insidertipp.



Ach und der Fischmarkt, richtig!



Dahinter gelangt man in den Teil des Ortes mit den ganzen Designershops. Das gehört auch dazu, aber schaue ich mir später an. Jetzt erstmal auf direktem Weg zum Markt, dann ins Musée de la Gendarmerie et du Cinéma, anschließend unbedingt auf den Friedhof, der wurde auch in der Doku auf MareTV erwähnt – straffes Programm. Und wenn ich St. Tropez danach nicht wenigstens ein bisschen verstanden habe, dann weiß ich auch nicht.

Das war der Plan.

Was ich stattdessen gefunden habe

Der Markt war knallvoll und es gab hauptsächlich Kleidung und hechelnde Hunde. Warum man bei dieser Hitze die Vierbeiner mit zu solchen Massenveranstaltungen nehmen muss, ist mir ein Rätsel. (Meiner war mit dem Mann im Wald.)

Ich habe ein paar Ellbogen und Handtaschen abbekommen, aber offenbar nur von Fremden, denn nur eine Einzige hat sich entschuldigt – woran man meiner Meinung nach den Einheimischen erkennt, die sind alle so höflich und nett.



Als ich den Markt endlich hinter mir lassen konnte, wurde es nicht besser. Die Gassen waren überfüllt, die Geschäfte ebenso, die Leute unfreundlich, wenn sie mich denn überhaupt bemerkt haben: Ein Mann und sein Hund beanspruchten derart viel Platz auf dem Gehweg, dass ich auf die Straße ausweichen musste. Er wollte die Laufleine nicht einfahren, um seinen Hund näher zu holen und mir Platz zu machen. Ich musste also einem knöchelhohen Hund ausweichen, der offenbar – zumindest in den Augen seines Herrchens -mehr Anrecht auf den Bordstein hatte als ich.

Da war ich bedient.

Nachdem sich dann erneut die Menschen auf dem Quai in Trauben vor den Plastikbombern zu Wasser zusammenrotteten, gafften und knipsten, während sie wiederum von den paar Angestellten auf den Booten begafft wurden, habe ich zugesehen, dass ich Land gewinne.



Fazit

Vielleicht habe ich den Ort nicht verstanden. Vielleicht ist das, was ich gesehen habe, aber inzwischen auch einfach der wahre Kern des Ortes, wer weiß. Den Rest von meinem Plan habe ich über Bord geworfen, selbst auf dem Friedhof war ich nicht mehr. Finde ich da, was ich suche? Möglicherweise versuche ich es noch mal. St. Tropez vernebelt mir bei genügend Abstand irgendwie die Sinne. Dann denke ich immer, dass es so schlimm gar nicht gewesen sein kann und ich es noch mal versuchen sollte …


Wie hast Du St. Tropez erlebt?

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